Kennzeichnung von Handschuhen - EN 347 und EN 455
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Einmalhandschuhe richtig kennzeichnen: Was EN 455, AQL, CE und EN ISO 374 bedeuten
Auf Handschuhverpackungen stehen viele Angaben: Material, Größe, AQL, CE-Zeichen, Haltbarkeit, Piktogramme und Normen wie EN 455 oder EN ISO 374. Für den Einkauf in Praxis, Pflege, Dental, Labor, Reinigung oder Lebensmittelbereich ist das mehr als Kleingedrucktes. Diese Angaben helfen dabei, Einmalhandschuhe nicht nur nach Preis oder Material, sondern nach dem vorgesehenen Einsatz auszuwählen.
- EN 455 und EN ISO 374 getrennt verstehen und richtig einordnen
- AQL-Wert im Kontext der Dichtheitsprüfung lesen
- CE-Zeichen, Medizinprodukt und PSA-Kategorie unterscheiden
- Material, Normen und Einsatz immer zusammen bewerten
Eine Kennzeichnung ist keine pauschale Schutzgarantie. EN 455, EN ISO 374, CE oder ein Piktogramm beantworten jeweils nur bestimmte Fragen. Ob ein konkreter Handschuh für eine medizinische Untersuchung, eine sterile Tätigkeit, Chemikalienkontakt, Lebensmittelkontakt oder einfache Hygieneschritte geeignet ist, ergibt sich aus Verpackung, Gebrauchsanweisung, EU-Konformitätserklärung und Herstellerdatenblatt.
Welche Kennzeichnung prüfe ich wofür?
EN 455 ist die zentrale Normenreihe für medizinische Handschuhe zum einmaligen Gebrauch. Sie behandelt Dichtheit, physikalische Eigenschaften, biologische Bewertung und Mindesthaltbarkeit. Der AQL-Wert gehört in diesen Kontext, weil er im Rahmen der Dichtheitsprüfung eine Rolle spielt.
EN ISO 374 ist dagegen relevant, wenn Schutzhandschuhe gegen Chemikalien und Mikroorganismen gefragt sind. Hier zählen Penetration, Permeation, Degradation, Durchbruchzeit, Typ A/B/C und Codebuchstaben. Das ist besonders für Labor, Reinigung, Desinfektionsmittelkontakt und bestimmte Arbeitsschutzsituationen wichtig.
CE zeigt die Konformität im jeweiligen Rechtsrahmen. Manche Produkte sind für mehr als einen regulatorischen Kontext ausgewiesen. Ob das der Fall ist, steht in Kennzeichnung und Herstellerunterlagen.
| Kennzeichnung | Geltungsbereich | Typischer Einsatz |
|---|---|---|
| EN 455 | Medizinische Einmalhandschuhe | Arztpraxis, Pflege, Dental |
| AQL | Statistischer Prüfwert (Stichprobe) | Im Kontext von EN 455-1 |
| EN ISO 374 | Schutzhandschuhe gegen Chemikalien / Mikroorganismen | Labor, Reinigung, Desinfektionskontakt |
| CE (MDR) | Medizinprodukte-Konformität | Medizinische Einmalhandschuhe |
| CE (PSA-VO) | PSA-Konformität | Chemikalien- und Arbeitsschutzhandschuhe |
EN 455-1: Medizinische Einmalhandschuhe verstehen
Die EN-455-Normenreihe betrifft medizinische Handschuhe zum einmaligen Gebrauch. Für Arztpraxen, Pflegeeinrichtungen, Dentalbereiche und andere medizinische Umfelder ist sie ein zentraler Orientierungspunkt. Sie sagt aber nicht automatisch, dass ein Handschuh für jede medizinische Tätigkeit, jeden Chemikalienkontakt oder jede Hygienesituation geeignet ist.
EN 455-1
Dichtheit und Lochfreiheit. Stichprobenprüfung per Wasser- und Lufttest. Sichtkontrolle beim Anziehen ersetzt die Normprüfung nicht.
EN 455-2[2]
Physikalische Eigenschaften: Passform, Stabilität, Gebrauchstauglichkeit. Zu enge Handschuhe reißen schneller, zu weite sitzen unsicher.
EN 455-3[3]
Biologische Bewertung und Kennzeichnung: Inhaltsstoffe, Latexhinweise, Puderfreiheit. Gepuderte Latexhandschuhe sind verboten.
EN 455-4[4]
Mindesthaltbarkeit: Lagerhinweise ernst nehmen. Hitze, Licht und Feuchtigkeit machen Handschuhe spröde.
EN 455-1: So funktioniert die Dichtheitsprüfung
EN 455-1 behandelt die Dichtheit. Bei der Stichprobenprüfung werden Handschuhe auf Lochfreiheit geprüft:
- Aus der Gesamtproduktionsmenge wird ein definierter Anteil nach festgelegten Vorgaben als Stichprobe entnommen.
- Diese Handschuhe werden mit Wasser prall gefüllt und auf Dichtheit überprüft.
- In einem weiteren Test werden die Handschuhe mit Luft gefüllt und in Wasser getaucht, um Luftblasen als Zeichen für Löcher oder Beschädigungen sichtbar zu machen.
- Fehlerhafte Handschuhe werden aussortiert und die Anzahl dokumentiert.
- Liegt die ermittelte Fehlerquote zu hoch, wird die Charge nicht ausgeliefert und muss neu produziert werden.
Für Anwender gilt: Die Norm hilft bei der Einordnung der Produktqualität, ersetzt aber keine Sichtkontrolle vor und während der Anwendung. Ein Handschuh kann trotz geprüfter Charge beim Anziehen, Tragen oder durch spitze Gegenstände beschädigt werden.
Das Video zeigt, wie Vinylhandschuhe nach EN 455-1 auf Dichtigkeit geprüft werden.
EN 455-2: Mindestmaße für Untersuchungshandschuhe
EN 455-2 betrifft physikalische Eigenschaften. Für Untersuchungshandschuhe schreibt die Norm folgende Mindestmaße vor:[2]
| Größe | Mindestmaße mit Naht | Mindestmaße ohne Naht |
|---|---|---|
| Extraklein (XS) | 270 mm lang, 80 mm breit | 240 mm lang |
| Klein (S) | 270 mm lang, 80 mm ±10 mm breit | 240 mm lang |
| Mittelgroß (M) | 270 mm lang, 95 mm ±10 mm breit | 240 mm lang |
| Groß (L) | 270 mm lang, 110 mm ±10 mm breit | 240 mm lang |
| Extragroß (XL) | 270 mm lang, >110 mm breit | 240 mm lang |
Für die praktische Auswahl lohnt sich der Ratgeber Einmalhandschuhe: Größe richtig ermitteln.
Kennzeichnung auf Einmalhandschuh-Verpackungen: Normen, AQL und CE-Hinweise.
EN 455-3 bezieht sich auf die biologische Bewertung und Kennzeichnung. In diesem Bereich geht es um Inhaltsstoffe, Latexhinweise, Puder und mögliche biologische Risiken. Gerade bei Latexhandschuhen ist das wichtig, weil Naturlatex bei sensibilisierten Personen Reaktionen auslösen kann.
EN 455-4 behandelt die Bestimmung der Mindesthaltbarkeit. Handschuhe können durch Hitze, Licht, Feuchtigkeit oder lange Lagerung spröde werden. Für den Einkauf bedeutet das: Nicht nur Preis und Packungsgröße zählen, sondern auch Lagerort, Verbrauchsmenge und klare Rotation im Bestand.
📌 Hinweis vom Fachautor
Hinweis vom Fachautor:Formulierungen wie „allergiefrei" oder „für Allergiker geeignet" sollten nur verwendet werden, wenn sie produktspezifisch durch Datenblatt oder Konformitätserklärung belegt sind. EN 455-3 regelt Bewertungsmethoden, keine Werbeversprechen.
AQL: wichtig, aber oft missverstanden
AQL wird bei Handschuhen häufig als Qualitätsmerkmal genannt. Gemeint ist ein statistischer Prüfwert, der im Zusammenhang mit Stichproben und Dichtheitsprüfung verwendet wird. AQL steht für Acceptable Quality Level. EN 455-1 verlangt flüssigkeitsdichte medizinische Handschuhe mit AQL ≤ 1,5. Je niedriger der AQL-Wert, desto strenger ist grundsätzlich die tolerierte Fehlergrenze in der geprüften Stichprobe.
⚠️ Warnung vom Fachautor
Warnung vom Fachautor:AQL ist kein Allzweck-Siegel. Der Wert sagt nicht, ob ein Handschuh gegen bestimmte Chemikalien beständig ist, ob er für Lebensmittelkontakt geeignet ist oder ob er für eine sterile Tätigkeit passt. Er beschreibt auch nicht die Qualität jedes einzelnen Handschuhs in der Packung. Für mehr Hintergrund empfiehlt sich der separate AQL-Ratgeber.
Für die Praxis ist AQL ein Baustein unter mehreren. Wer medizinische Einmalhandschuhe beschafft, sollte AQL zusammen mit Normkennzeichnung, Material, Größe, Sterilität, Puderfreiheit, Latexhinweis und Herstellerunterlagen prüfen. Erst diese Kombination ergibt ein belastbares Bild.
EN ISO 374-1: Chemikalien und Mikroorganismen
Wenn Einmalhandschuhe mit Reinigungs-, Desinfektions- oder Laborchemikalien in Kontakt kommen, reicht die Frage nach EN 455 nicht aus. Dann greift EN ISO 374, die Normenreihe für Schutzhandschuhe gegen chemische Risiken und Mikroorganismen. Drei Grundbegriffe helfen beim Einordnen:
- Penetration beschreibt die Dichtheit, also das Eindringen durch Undichtigkeiten, Löcher oder Materialfehler, geprüft per Wasser-Leck- oder Luftprüfung (EN 374-2).
- Permeation meint den molekularen Durchtritt eines Stoffes durch intaktes Handschuhmaterial, geregelt durch EN 16523-1 (ersetzt EN 374-3) im Kontext von EN ISO 374-1.
- Degradation beschreibt Materialveränderung oder -schädigung durch Chemikalienkontakt. EN 374-4 regelt die Bestimmung des Widerstandes.
Die DGUV und das IFA[5] weisen ausdrücklich darauf hin, dass ein Schutzhandschuh nicht vor jeder Chemikalie schützt und dass die Eignung von konkreten Stoffen, Material und Einsatzbedingungen abhängt.
Typ A, B, C: Was die Klassifizierung bedeutet
Verpackungen und Datenblätter nennen oft Typ A, Typ B oder Typ C sowie Codebuchstaben. Diese Angaben beziehen sich auf 18 Prüfchemikalien und definierte Prüfbedingungen aus EN ISO 374-1:
Typ A
Mindestens 6 Prüfchemikalien mit je mindestens 30 Minuten Durchbruchzeit. Höchste Klassifizierungsstufe nach EN ISO 374-1.
Typ B
Mindestens 3 Prüfchemikalien mit je mindestens 30 Minuten Durchbruchzeit.
Typ C
Mindestens 1 Prüfchemikalie mit mindestens 10 Minuten Durchbruchzeit.
Piktogramme auf Einmalhandschuhen: Erlenmeyerkolben für Chemikalienschutz (EN ISO 374).
EN ISO 374 legt einen Permeationsindex von Klasse 1 bis 6 fest. Je höher die Klasse, desto länger hält das Material einem Chemikalienkontakt stand. Die Durchbruchzeit ist die Zeitspanne, bis eine Chemikalie das Handschuhmaterial vollständig durchdrungen hat und die Haut erreicht.
Durchbruchzeiten und Schutzklassen
| Schutzklasse | Durchbruchzeit |
|---|---|
| Klasse 1 | Unter 10 Minuten |
| Klasse 2 | Unter 30 Minuten |
| Klasse 3 | Unter 60 Minuten |
| Klasse 4 | Unter 120 Minuten |
| Klasse 5 | Unter 240 Minuten |
| Klasse 6 | Unter 480 Minuten |
Zu den Chemikalien der Klasse 2 zählen beispielsweise Methanol, Ester, anorganische Basen und anorganische Säuren. Wer mit Chemikalien dieser Klasse arbeitet, ist bis zu 30 Minuten vor einem Durchdringen der Moleküle durch den Handschuh geschützt.
📌 Hinweis vom Fachautor
Hinweis vom Fachautor:Die Typ-Angabe ersetzt keine produktspezifische Prüfung. Entscheidend bleiben die konkrete Substanz, Konzentration, Kontaktzeit, Temperatur, Handschuhmaterial und die Herstellerangaben. Mikroorganismen- und Viruskennzeichnungen nach EN ISO 374-5 müssen produktspezifisch bewertet werden. Mehr dazu im Ratgeber Darf ich Handschuhe desinfizieren?
CE-Kennzeichnung, Medizinprodukt, PSA und Dual-Use
Das CE-Zeichen wird oft überschätzt. Es zeigt, dass der Hersteller die Konformität mit den einschlägigen EU-Anforderungen erklärt. Welche Anforderungen das sind, hängt vom Produkttyp ab. Ein Handschuh kann als Medizinprodukt, als persönliche Schutzausrüstung oder als Dual-Use-Produkt eingeordnet sein.
Kennzeichnung von Nitrilhandschuhen: CE, EN 455 und MDR-Hinweise.
Medizinische Einmalhandschuhe fallen in den Medizinprodukte-Kontext, wenn ihre Zweckbestimmung entsprechend ist. Sie unterliegen dann der Verordnung (EU) 2017/745[6] (MDR). Technische Dokumentation, Konformitätserklärung und Kennzeichnung sind dabei relevante Elemente. Die genaue Einordnung ergibt sich aus den Herstellerunterlagen, nicht allein aus dem Material oder der Bezeichnung „Einmalhandschuh".
Kennzeichnung von Latexhandschuhen: PSA-Kategorie, CE und Kennnummer der notifizierten Stelle.
PSA-Handschuhe folgen der PSA-Verordnung (EU) 2016/425[7]. Bei höheren Risiken, etwa bei bestimmten Chemikalien- oder biologischen Gefährdungen, greift PSA Kategorie III. Neben dem CE-Zeichen ist dann eine vierstellige Kennnummer der notifizierten Stelle angegeben. Diese Nummer sagt nicht, gegen welche Chemikalie oder für welche Kontaktzeit der Handschuh geeignet ist.
Dual-Use bedeutet: Ein Produkt kann für mehr als einen regulatorischen Kontext ausgewiesen sein, etwa als medizinischer Untersuchungshandschuh und als PSA. Das ist für viele professionelle Anwender interessant. Wenn ein Produkt Dual-Use ist, muss das aus der Produktkennzeichnung und den Unterlagen hervorgehen. Für konkrete Einsatzfreigaben braucht es immer Datenblatt, Konformitätserklärung und Gebrauchsanweisung.
Verpackung und Datenblatt richtig lesen
Zuerst sollte klar sein, wofür der Handschuh gebraucht wird: Untersuchung, Pflege, Dental, Labor, Reinigung, Lebensmittelbereich, sterile Tätigkeit oder einfache Kurzzeitanwendung. Danach lässt sich prüfen, ob Verpackung und Datenblatt diesen Einsatz stützen.
- Material, Größe, Sterilität, Puderfreiheit und Latexhinweis
- Haltbarkeit, Chargenangaben, CE-Kennzeichnung und Normenbezüge
- Bei PSA: Piktogramme, Typ, Codebuchstaben und vierstellige Kennnummer
- Bei EN ISO 374: Typ A/B/C, Codebuchstaben und gegebenenfalls Viruspiktogramm
- Bei medizinischen Handschuhen: EN-455-Bezug und AQL-Wert
Für konkrete Aussagen reichen Kurztexte im Shop nicht aus. Chemikalienbeständigkeit, Lebensmittelkontakt, Viruskennzeichnung, Sterilität, Haltbarkeit, Latexproteine, Puderfreiheit und besondere Einsatzfreigaben müssen produktspezifisch geprüft werden. Das ist kein bürokratischer Zusatz, sondern schützt vor Fehlinterpretationen im Arbeitsalltag.
Auswahl nach Anwendung
In Arztpraxis, Pflege und Dentalbereich stehen medizinische Eignung, Passform, Tastgefühl, Wechselhäufigkeit und Hautverträglichkeit im Vordergrund. Nitrilhandschuhe sind für viele Teams eine naheliegende Standardlösung, weil sie latexfrei und vielseitig sind. Latexhandschuhe können dort passen, wo Elastizität und Tastgefühl wichtig sind, brauchen aber eine bewusste Allergieabwägung.
Vinylhandschuhe, Vitrilhandschuhe und PE-Handschuhe können für einfache oder kurzzeitige Tätigkeiten sinnvoll sein. Sie sollten aber nicht automatisch als Ersatz für medizinische Untersuchungs- oder Chemikalienschutzhandschuhe eingeplant werden. Entscheidend ist die konkrete Kennzeichnung.
Bei sterilen Tätigkeiten geht es nicht nur um Material oder Normen, sondern auch um sterile Bereitstellung, Verpackung und korrektes Anziehen. Dafür führt der Weg zu sterile Handschuhe. Der Ratgeber Sterile Handschuhe richtig anziehen erklärt, worauf beim Anlegen und Ablegen zu achten ist.
Im Labor und in der Reinigung rücken Chemikalien, Desinfektionsmittel und Kontaktzeiten stärker in den Vordergrund. Hier sollten EN-ISO-374-Angaben, Sicherheitsdatenblätter und Herstellerdaten zusammen betrachtet werden. Ergänzend können Handschuh-Dispenserhalter, Desinfektionsmittel, Händedesinfektion und Desinfektionstücher passend in den Ablauf eingebunden werden.
Im Lebensmittelbereich zählt die konkrete Freigabe für Lebensmittelkontakt. Nicht jeder Nitril-, Vinyl- oder PE-Handschuh ist automatisch für jede Lebensmittelart geeignet. Bei fettigen, sauren oder alkoholhaltigen Lebensmitteln sollten die Herstellerangaben besonders sorgfältig geprüft werden.
Typische Fehlinterpretationen vermeiden
Material und Eignung sind nicht dasselbe. Nitril schützt nicht automatisch gegen Chemikalien, Latex ist gegenüber anderen Materialien nicht per se medizinisch überlegen, Vinyl reicht nicht für jede Hygieneanwendung, und PE ist ohne konkrete Freigabe nicht automatisch für Lebensmittelkontakt geeignet. Material ist der Ausgangspunkt, nicht die Entscheidung.
Ähnlich verhält es sich mit Normen. EN 455 sagt nichts über Chemikalienschutz aus. EN ISO 374 belegt keine Eignung für jede Chemikalie oder Desinfektionsroutine. CE zeigt Konformität im jeweiligen Rechtsrahmen, nicht dass ein Produkt für jeden professionellen Einsatz passt. Piktogramme und Codebuchstaben ohne Datenblatt sind kein ausreichender Anhaltspunkt.
Ein weiterer typischer Fehler: ein einziger Handschuhtyp für alle Tätigkeiten. Das vereinfacht den Einkauf, führt im Alltag aber zu Kompromissen. Sinnvoller ist eine klare Struktur: Standardhandschuhe für Routineaufgaben, sterile Produkte für sterile Tätigkeiten, Schutzhandschuhe für definierte Chemikalienkontakte und einfache Handschuhtypen dort, wo der Einsatz tatsächlich passt.
Auch Entsorgung gehört zur Planung. Nach Gebrauch zählen nicht nur Material und Packungsangaben, sondern auch Kontamination und Einsatzbereich. Der Ratgeber Einweghandschuhe richtig entsorgen ordnet typische Fälle für Praxis, Pflege, Labor und weitere professionelle Bereiche ein.
Checkliste für Einkauf und Praxisleitung
5 Punkte: strukturierte Prüfabfolge
-
1Zweckbestimmung klären Soll der Handschuh für medizinische Untersuchungen, Reinigung, Laborarbeiten, Lebensmittelkontakt oder sterile Tätigkeiten genutzt werden? Wenn diese Frage offen bleibt, werden Normen schnell falsch gelesen.
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2Verpackung prüfen Stehen Material, Größe, AQL, Haltbarkeit, Chargenangabe, CE-Zeichen, Normen und Piktogramme klar auf der Verpackung? Gibt es Hinweise zu Latex, Puderfreiheit, Sterilität oder Lagerung? Bei PSA: vierstellige Kennnummer neben CE vorhanden?
-
3Herstellerunterlagen anfordern Für Chemikalien, Desinfektionsmittel, Mikroorganismen, Lebensmittelkontakt oder sterile Tätigkeiten sollten Datenblatt, Gebrauchsanweisung und EU-Konformitätserklärung vorliegen. Ein Shoptext kann diese Unterlagen nicht ersetzen.
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4Praktische Umsetzung im Team prüfen Ein formal passender Handschuh kann im Alltag schlecht funktionieren, wenn Größe, Griffgefühl, Wandstärke oder Entnahmestelle nicht zum Ablauf passen. Welche Größen werden tatsächlich gebraucht? Sind alternative Materialien für latexsensible Personen eingeplant?
-
5Dokumentation anlegen Gerade in Arztpraxis, Pflege, Dental, Labor und Reinigung ist es sinnvoll, festzuhalten, welche Handschuhtypen für welche Tätigkeiten vorgesehen sind. Das reduziert spontane Einzelentscheidungen und hilft neuen Mitarbeitenden, schneller den passenden Handschuh zu wählen.
Beispiel: So wird eine Verpackungsangabe richtig eingeordnet
Auf einer Packung steht: Nitril, puderfrei, unsteril, CE, EN 455 und ein AQL-Wert. Das spricht dafür, dass der Handschuh als medizinischer Einmalhandschuh für bestimmte Untersuchungssituationen gedacht sein kann. Es bedeutet aber noch nicht, dass er für Laborchemikalien, Flächendesinfektionsmittel oder Lebensmittelkontakt geeignet ist.
Steht zusätzlich EN ISO 374 mit Piktogramm, Typangabe und Codebuchstaben auf der Verpackung, kommt ein Chemikalien- oder Mikroorganismenbezug hinzu. Trotzdem bleibt die Frage offen, welche konkrete Substanz geprüft wurde und wie lange der Kontakt dauern darf. Dafür braucht es das Datenblatt. Ein Piktogramm ist keine Abkürzung an den Produktunterlagen vorbei.
Bei einem sterilen Handschuh verschiebt sich der Blick wieder. Dann zählen sterile Verpackung, Haltbarkeit, Unversehrtheit der Verpackung, passende Größe und korrektes Anziehen. Die Sterilität macht den Handschuh weder chemikalienbeständig noch sagt sie etwas über Lebensmittelkontakt aus.
Jede Kennzeichnung beantwortet eine bestimmte Frage. Welche Antworten gebraucht werden, hängt von der geplanten Tätigkeit ab.
Fazit: Kennzeichnung hilft, ersetzt aber keine Prüfung
EN 455, EN ISO 374, AQL und CE sind wichtige Orientierungspunkte. Sie helfen dabei, Einmalhandschuhe fachlich einzuordnen und die richtige Richtung im Sortiment zu finden. Sie ersetzen aber nicht die Prüfung des konkreten Produkts und der konkreten Anwendung.
- EN 455 und AQL für medizinische Einmalhandschuhe zusammen prüfen
- EN ISO 374 für Chemikalien- und Laborschutz hinzuziehen
- CE-Typ und Rechtsrahmen (MDR oder PSA-VO) klären
- Datenblatt, Gebrauchsanweisung und Konformitätserklärung anfordern
- Material, Normen und Einsatz immer zusammen bewerten
Wer nach Material auswählt, findet passende Kategorien für Nitrilhandschuhe, Latexhandschuhe, Vinylhandschuhe, Vitrilhandschuhe, PE-Handschuhe und sterile Handschuhe. Wer Material, Normen, Datenblatt, Größe und Einsatzbereich zusammen prüft, trifft im professionellen Alltag die deutlich verlässlichere Entscheidung.
Quellen
- [1]Europäische Kommission – Medizinprodukte der Klasse I: Leitfaden zur Konformitätserklärung
- [2]DIN Media – DIN EN 455-2: Medizinische Handschuhe zum einmaligen Gebrauch, Physikalische Eigenschaften
- [3]DIN Media – DIN EN 455-3: Medizinische Handschuhe zum einmaligen Gebrauch, Biologische Bewertung
- [4]Austrian Standards – ÖNORM EN 455-4: Medizinische Handschuhe zum einmaligen Gebrauch, Mindesthaltbarkeit
- [5]DGUV / IFA – Praxishilfen Schutzhandschuhe gegen chemische und biologische Einwirkungen
- [6]EUR-Lex – Verordnung (EU) 2017/745: Medizinprodukte-Verordnung (MDR)
- [7]EUR-Lex – Verordnung (EU) 2016/425: PSA-Verordnung
- [8]DIN Media – DIN EN ISO 21420: Schutzhandschuhe, Allgemeine Anforderungen und Prüfverfahren
Fachautor
Denis Feferman
Gründer & Verantwortlicher für Regulatory Affairs und Qualitätsmanagement bei Medic-Star
Denis Feferman ist Gründer und Verantwortlicher für Regulatory Affairs bei Medic-Star (ADEBO Medical & Trade GmbH). Er begleitet Kunden aus Arztpraxis, Pflege, Dental, Labor und Reinigung bei der normkonformen Auswahl von Einmalhandschuhen nach EN 455, EN ISO 374 und den einschlägigen CE-Anforderungen gemäß MDR 2017/745.
Fachlich geprüft am: 24.06.2026
- EN 455 – Medizinische Handschuhe
- EN ISO 374 – Chemikalienschutz
- MDR 2017/745
- CE-Konformität